Im April 1940 richteten sich die Blicke des kriegführenden Europas auf eine kleine norwegische Stadt, von der die meisten nie gehört hatten. Der eisfreie Hafen von Narvik war der Endpunkt einer Bahnlinie, die schwedisches Eisenerz transportierte, den Rohstoff, der Deutschlands Kriegsmaschinerie am Laufen hielt. Wer Narvik kontrollierte, kontrollierte den Zugang zu 85 % des Eisenerzes für die Waffenproduktion der Nationalsozialisten.
Was folgte, war eine der dramatischsten Episoden des frühen Krieges: 62 Tage Seegefechte in den Fjorden, Gebirgskrieg unter arktischen Bedingungen und der erste alliierte Sieg über Nazideutschland. Die Kämpfe um Narvik kosteten 8.500 Menschenleben und bescherten Hitler seine erste Niederlage.
Warum Narvik so wichtig war
Die Eisenerzminen von Kiruna in Nordschweden gehörten zu den größten der Welt. Im Winter, wenn die Ostsee zufror, war die Bahnlinie nach Narvik, dem nördlichsten eisfreien Hafen Norwegens, der einzige Weg nach draußen. Der deutsche Nachrichtendienst hielt diese Route für so entscheidend, dass die Abwehr in Stockholm eigens eine „Erzabteilung“ einrichtete, um sie zu überwachen.
Sowohl Großbritannien als auch Deutschland war klar: Wer Narvik kontrollierte, kontrollierte die Eisenversorgung. Die Briten planten, norwegische Gewässer zu verminen. Die Deutschen planten schneller.
Der Kampf beginnt
Am 9. April 1940 liefen zehn deutsche Zerstörer mit 2.000 Gebirgsjägern in den Ofotfjord ein. Norwegens zwei veraltete Küstenpanzerschiffe wurden rasch versenkt, und am Morgen kontrollierten deutsche Truppen Narvik. Es sah nach einem klaren Sieg aus.
Am nächsten Tag schlug die Royal Navy zurück. Die Zweite Zerstörerflottille unter Commodore Bernard Warburton-Lee fuhr in der Dunkelheit des frühen Morgens in den Fjord ein. Der Angriff war kühn, aber teuer erkauft. Warburton-Lee fiel im Gefecht und erhielt das erste Victoria Cross des Krieges für Großbritannien. Beide Seiten verloren Schiffe.
Am 13. April kehrten die Briten mit überwältigender Streitmacht zurück, dem Schlachtschiff HMS Warspite und neun Zerstörern. Bis zum Ende dieses Tages war die gesamte deutsche Zerstörerflottille, ohne Munition und Treibstoff, in den Fjorden rund um Narvik vernichtet oder selbst versenkt worden. Es war ein entscheidender alliierter Seesieg.
Gebirgskrieg in der Arktis
Während in den Fjorden die Seeschlachten tobten, entwickelte sich in den Bergen rund um Narvik ein Landfeldzug. Norwegische Soldaten, viele zunächst im Neutralitätsdienst, bezogen Stellung im umliegenden Gelände. Alliierte Verstärkung traf ein, britische, französische und polnische Truppen, schließlich 24.500 Mann.
Alliierte Streitkräfte bei Narvik
Vor Ort mobilisierte Einheiten der norwegischen Armee
Britische Armee und Royal Marines
Französische Gebirgsjäger (Chasseurs Alpins)
Polnische Unabhängige Hochlandbrigade (5.000 Soldaten)
Einheiten der französischen Fremdenlegion
Wochenlang ging der Kampf unter Bedingungen weiter, mit denen die Deutschen nicht gerechnet hatten: tiefer Schnee, Frost und Gelände, das den Verteidigern zugutekam. Langsam wurden die Deutschen auf ein immer kleineres Gebiet zurückgedrängt. Am 28. Mai 1940 eroberten norwegische und alliierte Truppen Narvik zurück. Zum ersten Mal waren deutsche Streitkräfte zurückgeworfen worden. Hitler hatte seine erste Niederlage erlitten.
Sieg und Rückzug
Der Sieg war nur von kurzer Dauer. Ende Mai 1940 hatte Deutschland Frankreich und die Benelux-Staaten überfallen. Die Lage auf dem Kontinent war kritisch, und das alliierte Kommando beschloss, die Truppen aus Norwegen abzuziehen, um die Westfront zu verstärken. Ohne alliierte Unterstützung war eine Fortsetzung des Feldzugs unmöglich.
König Haakon VII. stand vor einer unmöglichen Wahl. Am 7. Juni verließ er Norwegen an Bord der HMS Devonshire und bildete in London eine Exilregierung. Als die alliierten Truppen abzogen, legten deutsche Bomber Narvik in Schutt und Asche, teils aus Rache, teils um den Alliierten jede nutzbare Infrastruktur zu verwehren. Die Stadt wurde weitgehend zerstört.
Historiker argumentieren, dass der erbitterte Widerstand bei Narvik Hitler dazu brachte, seine geplante Invasion Großbritanniens zu verschieben. Die Verluste in Norwegen, insbesondere die Zerstörung der deutschen Zerstörerflotte, schwächten die Kriegsmarine in einem kritischen Moment.
Kriegsmuseum Narvik
Das moderne Kriegsmuseum Narvik (Narvik Krigsmuseum) eröffnete 2016 in seinem heutigen Gebäude und ersetzte ein früheres Museum, das seit 1964 bestand. Es liegt im Stadtzentrum und zeigt Exponate, interaktive Ausstellungen und Archive, die die 62 Tage dauernde Schlacht und die anschließende Besatzung dokumentieren.
Höhepunkte des Museums
Interaktive Darstellung der Seeschlachten im Ofotfjord
Französischer Panzer Hotchkiss H35 aus dem Feldzug von 1940
Erbeutete deutsche Gebirgsartillerie
Persönliche Gegenstände und Zeugnisse von Soldaten und Zivilisten
Familienrundgang durch unterirdische Bunker der Nationalsozialisten (Führung)
Das Museum ist ganzjährig von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet (im Sommer länger, bis 18:00 Uhr). Die Ausstellungen sind auf Englisch und Norwegisch, Übersetzungen ins Französische, Deutsche, Polnische und Samische sind über QR-Codes abrufbar. Im Gebäude befinden sich außerdem die Stadtbibliothek, die Touristeninformation und ein Café.
Auf der Leinwand: Narvik (2022)
Der norwegische Film „Narvik: Hitlers erste Niederlage“ von 2022 inszeniert die Schlacht aus der Sicht einer einheimischen Familie, die in den Konflikt gerät. Zwar wurden dramaturgische Freiheiten genommen, doch der Film fängt das Ausmaß der Kämpfe und die ausweglosen Entscheidungen der Zivilbevölkerung gut ein. Er ist auf Netflix verfügbar und lohnt sich vor oder nach Ihrem Besuch.
Besuch planen
Besucherinformationen
Öffnungszeiten des Museums – 10:00–16:00 Uhr (im Sommer bis 18:00 Uhr)
Geschlossen – 24. und 25. Dezember, 1. Januar
Lage – Zentrum von Narvik, in der Nähe des Hauptplatzes
Zeitbedarf – 1,5 bis 2,5 Stunden für das Museum
Café – „Punktum“ im Erdgeschoss
Über das Museum hinaus sind Spuren der Schlacht in der Landschaft erhalten geblieben: Gedenkstätten, Bunker und der Fjord, in dem die Seeschlachten stattfanden. Die Ofotbanen, der Grund für Narviks Bedeutung, fährt noch heute bis zur schwedischen Grenze, und die Aussicht aus dem Zug hilft Ihnen, das Gelände zu verstehen, in dem gekämpft wurde.
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Quellen
Verfasst und redigiert von
Almaz Ermilov, Aleksei Poroshin und Vitalijus Zubrickas
Veröffentlicht am 1. Januar 2026
